Als Teen in der hessischen Justiz

So eine Ausbildung zum Justizfachangestellten dauert drei Jahre, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Drei Jahre Gesetze kloppen, 3 Jahre Berufsschule ertragen, 3 Jahre Berufsschule in einer alten Ruine, wo Ratten und Mäuse deine Kameraden waren und wo die Lehrer den Eindruck machten, als würden sie in ihren eigenen Aktentaschen leben. Mal ganz abgesehen von den jungen Mitazubis, welche im Schnitt zwischen 16 und 18 Jahren alt waren. An dem ersten Tag der Ausbildung sah man in vielen Gesichtern dasselbe stehen. „Ob das hier so richtig war?!“

Zu der Zeit, als ich meinen Realschulabschluss machte, waren die Arbeitslosenzahlen hoch. Man war nicht wirklich wählerisch. Und als Kind aus einer Komödiantenfamilie hat man von „richtiger“ Arbeit sowieso keine wirkliche Vorstellung. Ein körperlicher Nachteil, der mir in Zukunft körperliche Arbeit unmöglich machen sollte, brachte mich aber schon relativ früh in meinem Leben auf den Gedanken, meine kreativen Wurzeln erst einmal ad acta zu legen und einen „richtigen“ Beruf zu erlernen, was ja in meiner Familie eher untypisch war. Eigentlich war es in meiner Familie schon untypisch, einen Schulabschluss zu haben, wenn ich so genau darüber nachdenke. Brauchte man da auch nicht, zumindest damals nicht. Da ist jedes Kind relativ früh in die Branche der Eltern eingestiegen. Man brauchte keine Referenzen, um in einem Zirkus oder Theater mitzuwirken. Man kam ja schließlich aus der Familie.

Aber ich setzte mir das Ziel, eine Ausbildung beim Amtsgericht zu machen. Nun könnte ich hier erzählen, wie sehr mich die Justiz schon immer interessiert hat. Wie oft ich von Paragraphen geträumt habe. Ich könnte auch sagen, dass mit dem Blättern einer jeden Seite eines Gesetzbuches mein Herz bis zum Himmel schlug. Ich könnte sagen, dass es nicht nur mein Wille, sondern meine Berufung war, und dass ich mich deshalb damals beim Amtsgericht bewarb, und wahrscheinlich würde mich im selben Moment der Blitz treffen, weil das natürlich erstunken und erlogen wäre.

Die wahre Geschichte war eben, dass ich nicht viele Vorstellungsgespräche hatte. Das Arbeitsamt spuckte mir damals die ausgeschriebene Stelle aus und ich schluckte nur und dachte „Heiliger BimBam! Ach egal. Irgendwo musst du dich bewerben!“

Als ich zum Vorstellungsgespräch kam, fühlte ich mich so unwohl wie noch nie. Diese kalten Gebäude, die langen Gänge, die Gerichtssäle, an denen ich vorbei lief und sämtliche traurige Gesichter, die ich dort sah (es waren einige Gänge und Säle und viele traurige Gesichter, denn ich hatte mich bestimmt 5mal im Gang geirrt… und das passiert mir heute noch), brachten mir immer wieder einen Gedanken. „Hoffentlich komme ich hier je wieder raus!“

Tatsächlich kam ich wieder raus. Aber vorher machte ich noch den Einstellungstest und das darauf folgende Vorstellungsgespräch. Die damalige Amtsrätin flößte mir irgendwie Furcht ein. Auf meine humorige Art des Seins fing sie an ihre Augenbraue hochzuziehen, was für mich das Zeichen war, dass der Clown jetzt erstmal im Sack bleiben muss. Aber so schlecht kann mein Auftritt damals nicht gewesen sein, sonst säße ich heute nicht hier: in der IT-Stelle der hessischen Justiz.

Nach dem Vorstellungsgespräch wollte ich einfach nur noch nach Hause. Ich lehnte mich vor dem Gerichtsgebäude gegen eine Mauer und kam mir schäbig vor. Was ich eigentlich werden und sein wollte, hatte nichts mit dem zu tun, was ich dort werden und sein sollte. Am liebsten hätte ich mich an die Mauer gelehnt und à la James Dean eine Zigarette des Verzweifelns und Verderbens geraucht. Aber ich hab damals ja noch nicht geraucht. Und der Anzug mit Krawatte, den ich an hatte… Ich glaube, Dean hätte sich wie ein Propeller im Grabe umgedreht.

Als Jugendlicher mit 16 Jahren gehen einem ja echt viele Gedanken durch den Kopf. Ich weiß heute, dass es eine der besten Entscheidungen meines Lebens war, zur Justiz zu gehen. Aber damals kehrte ich meiner bunten Vergangenheit den Rücken und fürchtete mich vor der tristen Zukunft, die mir wohl bevorstand. In einer Welt, in der alles gesetzlich fest geregelt ist, fragt dich niemand nach deiner Ansicht. Ein Gesetz ist ein Gesetz. Das ist eben da. Und du kannst es nicht ändern. Das wurde eben so entschieden und wir mussten es auswendig lernen. Kreativität wurde nicht mehr groß geschrieben. Aber das alles erstmal zu begreifen und nicht zu rebellieren; ich glaube dafür war ich damals noch zu jung. Deshalb war ich oft wütend, wenn eine Antwort entweder richtig oder falsch war. Und nicht auch mal in etwa richtig oder nahe dran. Es musste immer alles genau wiedergegeben werden wie es geschrieben stand. Das ist ja auch richtig so.

Doch es gab tatsächlich erhebliche Unterschiede zwischen dem, was ich mir so farblos ausmalte, und was mir tatsächlich passierte. Allein die Ausbildung war eine der witzigsten Zeiten meines Lebens. So viel Wahnsinn, so viel Abenteuer und so viele farbenfrohe Geschichten, die genug Stoff für einen Beatles-Song gehabt hätten, zauberten nicht nur mir ein breites Grinsen ins Gesicht und lassen mich noch heute mit vielen meiner Mitazubis in alten „Weißt du noch damals in der Ausbildung-Geschichten“ schwelgen.

Nach und nach wurde mir damals klar, dass Situationen oder Zeiten nicht einfach nur da sind. Sie sind eben das, was man daraus macht. Konnte ich mich damals nicht wirklich mit der Materie identifizieren, so habe ich heute doch einen Job, der mir sehr am Herzen liegt. Ich sag nur „Anwenderbetreuer!“ Man braucht nicht mehr ins Kino, wenn man Anwenderbetreuer ist. Man braucht auch nicht mehr in die Nervenheilanstalt. Weil: Nerven darfst du in dem Job nicht haben. Darauf werde ich irgendwann nochmal näher eingehen.

Selbst Musik habe ich dann im Laufe der Jahre öfter in den Mauern des OLG gemacht, wo ich nach meiner Ausbildung im ADV-Referat im Projekt Elektronisches Handelsregister gearbeitet habe. Immer wieder kam dann auch der Zwiespalt. Die Leute sollten unterhalten werden und gleichermaßen wollte ich ein ernst zu nehmender Mitarbeiter der hessischen Justiz sein. Das gelang aber ganz gut. Nach der Gründung der IT-Stelle hatten wir sogar eine Mitarbeiterzeitung, in der ich für die Satireseite schrieb. Ich ließ mich in Gremien wählen und fand immer mehr Bezug. Man muss eben auch einfach dazu stehen, was man macht. Und man muss sich wohl fühlen. Vor allem muss die Arbeit, die man macht, geschätzt werden. Im öffentlichen Dienst ist es ja nicht immer einfach, eine wirkliche Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen. Schon gar nicht, wenn einem das Gefühl vermittelt wird, dass an sich jeder ersetzbar ist. Ein schmaler Grat, der es einem hin und wieder schwer macht, die Motivation aufrecht zu erhalten. Aber wem erzähle ich das? Wer das liest, wird mich verstehen, denke ich.

Da es mir aber recht gut in diesem Laden geht und Justitia mich schon länger an ihrer Brust nährt, sehe ich dem Ganzen positiv entgegen. Gerade auch, weil ich mal die kreative Ader schwingen kann, fällt es mir leicht, die Leute auf unseren Veranstaltungen mit meinem Job, z.B. als Anwenderbetreuer, zum Lachen zu bringen. Es ist alles eine Sache der Ansicht und wie wohl man sich dabei fühlt.

Man fragte mich, ob ich für die DJG Artikel schreiben möchte. Nichts tue ich lieber als das. Ich weiß leider nicht, wie viel sie der Seite bringen werden oder ob es den Lesern gefällt. Ich möchte mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Ich weiß aber auch, dass ich meinen Job von einer Seite erlebe, die etwas anders ist als erwartet. Immer wenn ich davon erzähle, hören mir die Leute zu und schmunzeln, lachen oder denken nach.

Ich wurde eigentlich gefragt, ob ich nicht einen Artikel über die EDV in der Justiz schreiben kann. Aber ich dachte: ich stelle mich so erstmal kurz vor. Ich werde auch noch mehr über die EDV oder den Job eines Anwenderbetreuers schreiben, wenn gewünscht.

Wenn euch der Artikel gefällt oder ihr mehr lesen wollt, dann werde ich schreiben, und zwar Themen bezogen. Eine der witzigsten Geschichten ist übrigens, wie ich damals in die DJG eingetreten bin.

Aber vielleicht erzähle ich das ja beim nächsten Mal.

In diesem Sinne

Ramon

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