Der Fall Alf

Hi Leute, da bin ich wieder.
Mit einem extrem themenbezogenen Bericht. Er beinhaltet Justiz, IT und die Tatsache, dass manchmal ein Mensch aus dem Fenster fallen muss, worauf hin der andere - also ich - zur DJG gegangen ist.

Es war das Jahr 2001. Wir waren frische Prüflinge und zwar die Ersten, die sich nach dem Bestehen Justizfachangestellte nennen durften. Hinter uns lagen drei Jahre Paragraphenklopperei, ein paar gebrochene Herzen und die Erkenntnis einer gewissen Orientierungslosigkeit, dass man immer noch nicht genau wusste wohin die Zukunft führte. Der Stellenmarkt war wie immer knapp. Ein paar Prüflinge, die ihre Prüfung vorgezogen hatten, hatten ihre Schäfchen im Trockenen. Ein Paar Prüflinge, die sich in der Ausbildungszeit schon als besonders gut bewährten, bekamen auch schon Verträge über ein paar Jahre.

Ich gehörte zu dem, naja, sagen wir Mittelfeld. Nicht besonders gut. Immer durchgekommen. Nicht wirklich versagt. Aber man sah mir wohl auch an, dass der klassische Justizberuf mir nicht wirklich auf den Leib geschrieben war. Ich saß gerade zu Hause, übte ein paar Akkorde auf der Gitarre für die Karriere außerhalb der Justiz, da klingelte mein Festnetz. Ja Leute, damals hatten die Telefone noch Kabel. Schon irgendwie lustig. Als ich mit der Ausbildung anfing, gab es die ersten Leute, die sich Handys besorgten. Diese Leute waren freier und moderner und unabhängiger als alle anderen, weil sie schnurlose Telefone hatten, die man überall hin mitnehmen konnte. Und heute? Heute verbrauchen die neuen Handys so viel Strom, dass sie fast so oft mit einem Kabel verbunden werden müssen wie damals das Festnetz. Aber zum Thema. Mein Telefon klingelte und der damalige Personalchef des OLG war am anderen Ende.

Tatsächlich suchten sie Leute für das Projekt der Zukunft: Elektronisches Registerverfahren. Für Grundbuch und Handelsregister. Ich sagte damals noch, dass genau diese beiden Sachgebiete meine Schwächen wären. Doch man redete mir Mut zu und dass ich es wenigstens mal probieren sollte. Es wären ja viele andere junge Leute in diesem Team. Und ganz ehrlich. Damals war Ambition der Feind des Erfolges. Redete ich mir zumindest ein. Diese Truppe, in die ich damals gesteckt wurde, bestand aus einer sehr eigenen Art von jungen Menschen, wie man sie aus den alten Big Brother Staffeln kannte. Jeder hatte besondere eigene Charakterzüge. Ein Team zusammengewürfelt aus Aussortierten, denen Justitia definitiv nicht ins Gesicht geschrieben stand. Und die meisten kamen ja nicht mal von hier. Die kamen aus Kassel und aus der Rhön. Nordhessen trafen auf uns Frankfurter. Leute, das ist so als würde man Pinguine und Löwen in denselben Käfig stecken! Das sind nicht nur zwei völlig unterschiedliche Tierarten, nein sie sprechen auch überhaupt nicht dieselbe Sprache. Und später kamen auch noch Leute aus dem Osten dazu. Jeder dachte natürlich für sich selbst er redet normal. Doch für den anderen kam am anderen Ende immer nur „Nörg Nörrrrg!“ raus.

Also fassen wir zusammen: Wir hatten ein Team aus ca. zehn Leuten, deren einzige Aufgabe es sein sollte, das Handelsregister, welches es in Papierform gab, auf elektronisch umzustellen. Ein Projekt fürs elektronische Grundbuch startete bereits ein Jahr zuvor. Unser Team und das Grundbuchteam arbeiteten im selben Stockwerk. Drei Jahre wurden wir darauf vorbereitet. Drei Jahre studierten wir Gesetztestexte, gingen Fallbeispiele durch, spielten Gerichtsverhandlung. Und jetzt scannten wir Registerblätter. Wir scannten und schrieben um. Wir scannten so sehr, dass wir nicht mehr wussten, wer wir eigentlich sind und was wir dort machten. Ich habe noch nie so viele Menschen weinen sehen. Es waren überwiegend Mädchen. Und die paar Jung‘s die wir hatten, schienen auch immer mehr Mädchen zu werden. Die Scannerei machte dünnhäutig. Die Arbeit war zu viel für unsere paar jungen Köpfe. In den Mittagspausen saßen wir zusammen und redeten über Frauenprobleme, und wir Männer verstanden sie auf einmal. Unsere beiden Vorgesetzten versuchten uns hin und wieder aufzuheitern. Sie gaben uns Süßigkeiten und schlugen vor, dass wir einmal im Monat einen Teamabend machten. Einen Abend, wo man nochmal gemeinsam etwas tut, was nichts mit Arbeit zu tun hat. Also sah man die Menschen an manchen Tagen jetzt auch noch nach der Arbeit. Ich fühlte mich manchmal wie ein einsamer Soldat in einem Krieg, der weinend den Namen seiner Mutter ruft. Irgendwann war es soweit, dass ich mir beim hausinternen Getränkebeauftragten einen Kasten Bier bestellte, und ihn bekam. Ich hatte den Kasten bei einer Wette auf einer unserer Weihnachtsfeiern gewonnen. Eine Kollegin musste ihn mir ausgeben.
Von derselben Kollegin erlernte ich in erstaunlich kurzer Zeit auch die hohe Kunst des Rauchens. Man tat alles, um irgendwie mit den Nerven runter zukommen.

Es war damals dasselbe Problem wie heute. Wir brauchten mehr Leute.
Und irgendwann war es dann so weit. Licht am Ende des Tunnels. Ein Jahr war vergangen. Ein Jahr und ein Arbeitsvertrag. Das sollte 6 Jahre lang so weiter gehen. Allerdings war im Jahr 2002 dann endlich der nächste Lehrlingsjahrgang zur Prüfung. Und dann bekamen wir einen richtig guten Kerl. Einen Mann der mich zur DJG bringen sollte. Ja, einen Mann. Nur hatte er eine leichte Schwäche fürs Springen, oder besser gesagt fürs Fallen. Alles fing damit an, dass er direkt nach der Prüfung als Springer bei der Staatsanwaltschaft eingesetzt wurde.
Springer, so nannte man die Leute, die an einer Behörde auf verschiedenen Stellen eingesetzt wurden. So wie Phillip Lahm beim FC Bayern. Nur kriegten Sie viel weniger Geld und die Arbeit dort machte viel weniger Spaß und wurde auch nicht auf Sky übertragen. Wer so einen Kontrakt unterschrieb, der hatte definitiv nichts Besseres gefunden und wartete dort bis sich jemand meldete, der einen besseren Platz für ihn hatte.
Der Kerl, um den es hier geht, hat relativ schnell geschnallt, dass er dort verheizt wurde. Das hat ihm nicht gefallen und er bewarb sich beim OLG um eine Stelle bei den Scannern.
Und da stand er dann eines Tages vor mir. Lichtes Haar, hängende Schultern, aber jünger als ich. Sein Skillbogen war nicht schlecht. Er kannte sich unter anderem mit Programmieren aus. Gut, das brauchte man bei uns nicht. Aber wir kannten uns mit Gesetzen aus, und das brauchte man bei uns auch nicht. Also nahmen wir diesen Helden, nennen wir ihn Alf, in unser Scanteam auf.

Wenn ein Team schon ein Jahr zusammen arbeitet, dann ist es schwer jemanden zu integrieren. Man sollte das von 20 – 25 Jährigen erwarten, dass sie erwachsen genug für sowas wären. Aber unsere Stärken wären nicht gerade Empathie und soziales Engagement. Ich denke unser Motto war damals „Warst du Opfer, bist du Opfer. Und wärst du kein Opfer, wärst du nicht hier. Oder zumindest nicht als Letzter!“

Alf war sehr engagiert, wenn auch schluderig. Er war sehr schlau und konnte einem die administrativen Sachen erklären, sowie falsche Scandateien zurücksetzen, Schwierigkeiten bei Migrationen und wies uns immer darauf hin, dass es wichtig wäre, in einer Gewerkschaft zu sein. Gerade damals, als ein gewisser Herr Koch die Operation Sichere Zukunft plante (Austritt Tarifunion der Länder, Einführung 42 Stunden Woche). Vor allem wäre es immer gut abgesichert zu sein, falls man Streitigkeiten mit seinem Arbeitgeber hat. Die Gewerkschaft würde für einen die Kohlen aus dem Feuer holen und man wäre auf der sicheren Seite im Falle eines Streiks.

Aber alle lachten damals über Alf. „Wenn die da oben was entscheiden, dann wird das so gemacht. „Ich geb doch kein Geld für Gewerkschaft aus! Und streiken können wir nicht. Wie haben zu viel Arbeit!“

Die Arbeit wuchs uns tatsächlich über den Kopf. Alf war noch keine wirkliche Verstärkung, da er in der Anlernphase nicht unterschriftbefugt war. Man musste seine Arbeit immer nochmal kontrollieren und sie dann selbst freigeben. Das hält auf. Zudem war er auch sonst nicht besonders fix mit der Arbeit.
Irgendwann kam einer meiner Chefs zu mir, und bat mich darum Alf, darauf hinzuweisen, dass er zu langsam wäre. Ausgerechnet ich. Ich sollte ihm das sagen. Es war dem Chef wichtig, dass er von den Jungs angelernt wird. Also ging ich in der Mittagspause zu Alf. Wir spielten eine Partie Schach. Seine Lieblingsfigur war im Übrigen der Springer. Ich erklärte ihm, dass er seine Arbeit fertig machen musste, da wir im Verzug waren. Und notfalls sollte er eben länger bleiben. Er willigte ein, dass er noch am selben Tag solange bliebe bis kurz bevor die Schotten dicht gemacht würden. Und er wies mich darauf hin, dass ich doch einen Brief an so ein Forum des Ministeriums schreiben könnte. Da könnte ich mich schriftlich an Koch wenden und meine Meinung zur Operation sichere Zukunft abgeben. Alles per Mail. Total easy.

Ich ließ mir das alles durch den Kopf gehen. Ich fand das keine schlechte Idee, mich auch mal dazu zu äußern. Ich fing an, einen Brief aufzusetzen. Darin schrieb ich, dass ich mir Sorgen um meine Zukunft mache. Wie soll ich denn noch mehr arbeiten, bei gleichem Gehalt, wie soll ich denn als schwerbehinderter Mensch noch Zeit für meine Physiotherapie finden. Was man eben so schreibt.
Das ganze deprimierte mich so sehr, dass ich mich mit einem Kumpel erstmal in einen Irish Pub setzte und über unsere Zukunft im öffentlichen Dienst schwadronierte. Und auch er kam mir sofort mit Gewerkschaft und wollte mich auch schon anwerben. Ich hielt es für eine bessere Idee, eine Nacht drüber zu schlafen.

Am nächsten Morgen, ich glaube es war ein Freitag, betrat ich unsere Scanzentrale in der Klingerstraße. Aus dem Aufzug rausgekommen, bekam ich direkt mit, wie mein damaliger Chef am Telefonieren war. Es muss seiner Körperhaltung nach, also in sich zusammengekauert, Kopf nach unten, Hände über dem Hinterkopf zusammengefaltet, ein sehr, sehr deprimierendes Gespräch gewesen sein. Ich lauschte natürlich. Und es schien mir Alfs Mutter am Telefon gewesen zu sein. Mein Chef stammelte am Telefon so Worte wie… ich fass es mal zusammen: „Ja, … Nein… Is nich wahr... Aber wieso hat er denn nicht… Aber Alf kann doch nich einfach… Kann er doch? … Kann er doch! Aha… Was sagt der Arzt?... Ja, die Brüche müssen jetzt erstmal heilen… Da wünsch ich Ihrem Sohn gute Besserung!“

Er legte den Hörer wieder aufs Telefon. Er sah mich im Türrahmen stehen. Ich fragte, was denn sei? Und er bat mich nur, zum Scanteam zu gehen. Er würde alles Weitere bald erklären. Ich huschte zu meinem Team und fragte sofort, ob einer Alf gesehen hat. Ich erzählte, dass ihm irgendwas passiert sei. Irgendwas Schreckliches. Mit Knochenbrüchen. Sofort kamen die ersten Annahmen, was denn passiert sein könnte. „Der hat bestimmt aufs Maul bekommen weil er so‘n Nerd is!“ oder „Der hat sich doch bestimmt mitgescannt, der Depp!“ Das war noch das Harmloseste, was die Leute von sich gaben. Natürlich tat jeder sehr betroffen und sorgenvoll, und war dabei angefüllt mit Neugier und unendlicher Schadenfreude.

Plötzlich gesellte sich mein Chef in die Runde. Es herrschte betretenes Schweigen. Mit langsamen und bedachten Schritten setzte er sich an unsere Frühstücksrunde. Er goss sich wie immer einen schwarzen Kaffee ein. Er nahm zwei tiefe Schlucke des brühend heißen Kaffees (Warum hat er ihn nicht gleich aus der Kanne getrunken?). Er runzelte die Stirn, räusperte sich und schlug sich mit der Faust zweimal gegen die Brust, als würde er versuchen, diese äußerst harte Story weich zu klopfen, die da noch in ihm steckte. Seine von der Situation gebeutelten Augen schauten zuerst mich an. Ausgerechnet mich. Schweissperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er hatte diesen „Soll ich lachen oder soll ich weinen?!“-Gesichtsausdruck. Zugleich wirkte er auch enttäuscht von mir. Er zog sich ein Mettbrötchen aus der Westentasche, biss einmal ab. Denn der Chef musste immer erst ein Mettbrötchen essen, wenn er etwas ganz furchtbares zu verkünden hatte (Ich sag nur Urlaubssperre 2004 - andere Geschichte). Wie in einem Western, bei dem man auf den Schuss des Highnoon-Duells wartete, warteten wir alle, bis er endlich damit rüber kam, welch entsetzlich perverses Ereignis sich doch am vorherigen Abend abgespielt haben musste. Und dann sprach er zu mir:
„Du warst der letzte, der Alf gestern gesehen hat. Was hast du zu ihm gesagt, bevor du gegangen bist?“
„Ich sagte, dass er seine Arbeit fertig machen soll. Wie du es mir aufgegeben hast. Und er sagte, er bleibt bis kurz bevor die Schotten dicht machen!“

Mein Chef begann zu erklären was passiert war. Er erzählte uns eine Geschichte, die über Jahre hinweg Bestand haben sollte. Eine Geschichte, die erklärte, wie lebensgefährlich das Leben im Öffentlichen Dienst sein kann, wenn man auf Gefahren trifft, mit denen man am Arbeitsplatz beim besten Willen nicht rechnet. Es war die Geschichte von einem Mann, der solange auf Arbeit blieb, bis sämtliche Generaltüren geschlossen waren und er daher einen anderen Ausweg suchte. Was so einfach klang, wurde zum tragischsten Fall, den es jemals in den Frankfurter Justizbehörden gegeben hat. Was dem unglaublichen Alf wiederfahren ist, dass schreibe ich in der nächsten Ausgabe. Das wäre jetzt zu viel Stoff. Glaubt mir. In meiner Verantwortung als Hobbyjournalist kann ich euch das heute nicht zumuten. Aber das nächste Mal, versprochen. Aber kurz nach dem Ereignis sollte ich Mitglied der DJG werden. Und auf Grund dieses Vorfalls bin ich heute auch Sicherheitsbeauftragter für Arbeitsschutz. Sowas darf nicht noch mal passieren.

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